Fantasie
Als schöpferische Kraft ist die Fantasie[1] gleichsam die Mutter von Vernunft und Verstand. Vernunft und Verstand gelangen als die weibliche und die männliche Seite der Fantasie zum Vorschein. Während Vernunft und Verstand in der Geschichte des Denkens bevorzugt behandelt werden, findet die Fantasie relativ wenig Beachtung. Dennoch behauptet sich die Kunst neben Philosophie und Wissenschaft nicht nur, sondern offenbart sich auch als dasjenige Wesen, das sich allein als Wahrheit ins Werk zu setzen vermag. Dagegen bleiben die Werke der Philosophie und Wissenschaften nur auf ihre entsprechenden Syteme bezogen richtig.
Vernunft geht aus dem Spiel
der Fantasie mit sich selbst hervor, während sich der Verstand allmählich als
neuronales Protokoll spielerischer Erfahrungen entfaltet und sich wiederum hieraus als selbstorganisierendes
Unbewusstes entwickelt.
Die ersten Male ihrer
Begnungen mit der Lichtgestalt ist die Fantasie allerdings noch weit entfernt
von diesen Möglichkeiten. Davon also noch völlig unbelastet, nähert sie sich
der Lichtgestalt, die sie selbstverständlich für Gott hält. Ihr völlig
unbekümmerter, kindlicher Umgang mit dem höchsten Wesen führt zu einem vollkommen
natürlichen Verhalten, in dem sich alle wesenhaften Unterschiede aufheben. Das
führt leider auch dazu, dass die Fantasie ihre Begegnungen nicht als Erkenntnisquelle
nutzt, sondern lediglich als Zugang zu einer ihr Schutz gewährenden idealen
Welt.
Andererseits schafft gerade
dieser Freiraum die Möglichkeit zu einer geistigen Auseinandersetzung, die wohl
ansonsten nicht möglich gewesen wäre. Der Rückzug in eine gesunde, also heile
Geborgenheit offenbart natürlich der Rückkehr in die reale Welt besonders krass
deren kranke Erscheinungen und krankhaftes Verhalten. Es ist auch so, dass dies
nicht ohne leidvolle, schmerzhafte Empfindungen abgeht.
Als in der Fantasie der
Geist zur Vernunft erwacht, beginnt sie schon sehr früh angestrengt nach den
Ursachen und Gründen der Zerstörungen und Zerstörungswut in der realen Welt zu
suchen. Im vernunftbegabten Wesen begegnet ihr und damit auch zugleich sie sich selbst dem einzigen Wesen, das seinen eigenen Lebensraum zerstört. Die Fantasie
leidet unter dieser Erkenntnis und gibt sich der Hoffnung hin, mit der in ihr
sich entfaltenden Vernunft etwas gegen diesen Wahnsinn ausrichten zu können.
Mit den Jahren richtet sie sich in der realen Welt eine ideale Utopie ein, die
sie schreibend zu verwirklichen
sucht.
Das Schreiben bietet wie die
ideale Welt den ungeheueren Vorteil, dass Gedanken erst einmal spielerisch, unverbindlich
hin und her bewegt werden können,
bevor sie sich in der realen Welt als Text zu einer Aussage verbinden und als
Veröffentlichung erst durchgesetzt werden müssen. Als unverbindliche Sprachspiele sind ideal geträumte Texte
für die reale Welt nicht unmittelbar hilfreich.