Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid Europa-Universität Flensburg Bild: Christina Pleyer
    Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid      Europa-Universität Flensburg                                                                                             Bild: Christina Pleyer                                                                                 

Ausdrucksweise des Unbewussten

 

 

Interjektionen kündigen Stimmung und Einstellung des Unbewussten an. Während Stimmungen gespeicherte Eindrücke sind, handelt es sich bei Einstellungen um Haltungen gemachter Erfahrungen gegenüber.

 

Das Unbewusstsein fühlt, bevor der Verstand es vergegenwärtigt. Gefühlsmäßige Menschen neigen dazu, auf solche frühen Empfindungen spontan sprachlich zu reagieren, um dann später zu bereuen, wie sie sich vorschnell – bedauerlicherweise zumeist mittels Kraftausdrücke – geäußert haben.   

 

Vergegenwärtigen des Bewusstwerdens scheint als das hervor, was das Ich als seine Gegenwart erfährt. Diese Erfahrung kann es sowohl reflektieren als auch  antizipieren.

 

Bewusstsein vermag also sowohl Erinnern als auch Voraussehen zu organisieren. Jene Kraft, welche sowohl den Rückblick  in die eigene Vergangenheit als auch den Vorausblick in die Zukunft ermöglicht, wird Intuition genannt.

 

Da die Intuition die Grenzen des Bewusstseins zu überwinden und Unbewusstes zu offenbaren vermag, wird Intuition auch „sechster Sinn“, „Instinkt“, „Bauchgefühl“ oder „Gespür“ genannt.

 

Im Gegensatz zum Denken als Logik des Verstandes gilt Intuition auch als Weisheit des Herzens. Diese Weisheit verrät der Fuchs dem kleinen Prinzen:

 

»Lebe wohl«, sagte der Fuchs. »Hier ist mein Geheimnis. Es ist sehr einfach: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.

«Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar«, wiederholte der kleine Prinz, um es sich einzuprägen.

»Die Zeit, die du für deine Rose gegeben hast, sie macht deine Rose so wichtig.«

»Die Zeit, die ich für meine Rose gegeben habe«, sagte der kleine Prinz, um es sich einzuprägen.

»Die Menschen haben diese Wahrheit vergessen«, sagte der Fuchs. »Aber du darfst sie nicht vergessen. Du bist für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast. Du bist für deine Rose verantwortlich.«

»Ich bin für meine Rose verantwortlich«, wiederholte der kleine Prinz, um sich auch dies einzuprägen.[1]

 

Während Wissenschaft durch die Logik des Verstandes begründet wird, gründet Kunst auf unmittelbarer Anschauung.

Das, was Kunst ins Wert setzt, entsteht durch unmittelbare Anschauung, also bevor gefiltert und erfahrungsbedingt vermittelt wird.

 

Intuition überschreitet die Grenzen des Bewusstwerdens und ermöglicht damit sowohl dem Vor- als auch dem Unbewussten sich der Vernunft zu offenbaren.

Dadurch werden schöpferische Ideen bewusst. „Idee“ ist der ursprüngliche griechische Name für „reine Anschauung“. Wissenschaftliche und künstlerische Ideen gelangen dort zum Vorschein, wo der Verstand noch nicht oder nicht mehr greift. Schöpferische Ideen kündigen sich jeweils kurzfristig spontan interjektiv an.

 

Es scheint geradezu so, als ob der Verstand dem schöpferischen Gehirn im Wege steht.

 

Wissenschaftliche Ideen scheinen zumeist als originelle Theorien hervor, während künstlerische Ideen der Vernunft neue Perspektiven und Aspekte eröffnen.

 

[1] Antoine de Saint-Exupérie, Der kleine Prinz, übersetzt von Marion Herbert, 2015