Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid Europa-Universität Flensburg Bild: Christina Pleyer
    Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid      Europa-Universität Flensburg                                                                                             Bild: Christina Pleyer                                                                                 

Unschärfe

 

 

„Unschärfe“ ist eine Form der Ungenauigkeit bzw. Unbestimmtheit des Bewusstseins. Gewöhnlich meinen wir, dass wir wissen, was wir tun. Solche Selbstgewissheit des Handelns stellt sich jedoch bisweilen als trügerisch heraus.

 

Ein selbstbewusster, freundlicher, um Gerechtigkeit bemühter Richter erfährt zwar von seinem beruflichen Umfeld hohe Anerkennung, aber trotz seines durchaus kritischen Selbstbewusstseins bleibt ihm verborgen, dass er im Privatleben versagt. Er bemerkt nicht einmal die Signale, die von seiner Familie ausgehen. Er nennt sogar sein schöngefärbtes Privatleben glücklich. In Wahrheit handelt er zu Hause häufig ungerecht.

 

Wie kommt es zu einem solchen Trugbild? Warum ist ein Selbstbild keineswegs zuverlässig? Die Antwort ergibt sich aus der Enge des Bewusstseins.

 

Als Moment des Bewusstwerdens stellt das Bewusstsein eine starke Vereinfachung innerer Vorgänge dar. Diese Vereinfachung wird bereits durch das Vorbewusstsein vorbereitet. Bereits während der Perzeption wird alles ausgefiltert, was Wahrnehmenden nicht genehm ist. Infolgedessen sehen wir nicht, was ist, sondern vielmehr sehen wir nur das, was wir sehen wollen.

 

Aufmerksamkeit und Konzentration werden gewöhnlich emotional und nur ausnahmsweise rational geregelt. Solche Ausnahmen wird durch hohe Aufmerksamkeit ermöglicht.

 

Der Blick wird mehr oder weniger bewusst gefühlsmäßig gelenkt. Unser Engagement bestimmt, was für uns wahrnehmbar und beobachtbar werden soll.

 

Das Mittel ist Abstraktion, also das Absehen von Einzelheiten zum Zweck der Verallgemeinerung. So wird aus einem beruflich gerechten Richter privat eine selbstgerechte Person. Diese übersieht dann schlichtweg Eigenschaften ungerechten Verhaltens. Ihr Handeln erscheint ihr dadurch nicht klar, sondern schöngefärbt.