Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid Europa-Universität Flensburg Bild: Christina Pleyer
    Prof. Dr. habil. Wolfgang Schmid      Europa-Universität Flensburg                                                                                             Bild: Christina Pleyer                                                                                 

Über die Grenze

Das, was Werdendes als solches ausmacht, das Wesen also ist für die Sinne unzugänglich. Das Wesen existiert sinnlich unsichtbar und kann aus diesem Grund nur geistig wahrgenommen werden. Geistiges Wahrnehmen wird traditionell „Denken“ genannt und als diese Fähigkeit der Vernunft zugeschrieben.

Als Lebewesen, das den ersten Philosophen als vernunftbegabt gilt, erscheint ihnen der Mensch. Da das Existieren des Wesentlichen an die Vernunft gebunden wird, scheint es außerhalb der Vernunft nicht zu sein.

Diese Annahme erscheint jedoch als Trugschluss, wenn die Vernunft selbst als Wahrnehmungsorgan betrachtet wird. Ist dies der Fall, dann gilt die Vernunft gleichsam als sechster Sinn.
Eine derartige Schlussfolgerung wird jedoch nicht allgemein anerkannt. Der sogenannte „gesunde Menschenverstand“ vermag nicht etwas zu akzeptieren, das er nicht „sehen“ bzw. sinnlich vernehmen kann.

Das ist deshalb sehr merkwürdig, weil sich alle tagtäglich auf nicht sinnlich Vernehmbares verlassen, wie z.B. das Ordnen. Niemand vermag auch nur einen Schritt zu tun, der nicht durch eine Ordnung definiert wird. Sobald wir erwachen und in unserem Haus verweilen, gilt die Hausordnung. Sobald wir das Haus verlassen, gilt die Straßenverkehrsordnung, und an der Arbeitsstelle regeln uns Geschäftsordnungen, Tagesordnungen usf.
„Ordnen“ ist uns nicht sinnlich, sondern geistig gegeben. Der Geist schafft Ordnungen und die Sinn prüfen, on das zu Ordnende in Ordnung ist.
Wie zu ordnen ist, das vermögen wir geistig wahrzunehmen. Die Kunst, das zu können, wir seit jeher „Logik“ genannt. Als Geistewissenschaft, die sich besonders mit Logik auseinandersetzt, gilt die Mathematik, deren Anwendungen durch die Naturwissenschaften Weltmodelle kreiert, die ebenfalls nur indirekt sinnlich vernommen werden können.

Stellt sich die Frage, inwiefern sich geistige Wahrnehmen analog zum sinnlichen Wahrnehmen eine akzeptable Basis verschaffen lässt.